1. Eine Szene: Hauptverkehrszeit auf der Shanghaier U-Bahn-Linie 1
Es war Herbst 2018. Ich war geschaeftlich zurueck in Shanghai.
Ein deutscher Freund -- Hans, Anfang vierzig, aus Koeln, Maschinenbau -- besuchte zum ersten Mal China. Ich nahm ihn mit, um die Shanghaier U-Bahn zu erleben.
Wir standen an der Station People's Square und warteten auf die Linie 1. In dem Moment, als sich die Zugtueren oeffneten, spuerte ich Hans' Koerper versteifen.
"Liu," fluesterte er, "es ist schon voll drinnen."
"Schon okay," sagte ich. "Es ist noch Platz."
"Unmoeglich." Sein Gesichtsausdruck war, als wuerde er ein physikalisches Desaster miterleben. "Das verstoesst gegen die Gesetze der Physik."
"In der chinesischen U-Bahn," sagte ich, "muessen die Gesetze der Physik neu gelernt werden."
Ich gab ihm einen Stoss, und wir quetschten uns hinein. Als sich die Tueren schlossen, war Hans' Gesicht gegen den Ruecken eines Mannes in mittleren Jahren gepresst, seine linke Hand eingeklemmt von der Einkaufstasche einer Tante, seine rechte Hand in der Luft erhoben -- denn das war der einzige Platz, der noch frei war.
Er sah mich an, mit einem Hilferuf in den Augen.
"Entspann dich," sagte ich. "Nur noch drei Stationen."
"Es geht nicht ums Entspannen," sagte er. "Das ist ein Fremder weniger als zwei Zentimeter von mir entfernt. Ich kann seine Koerperwaerme spueren."
"In China," sagte ich, "heisst das 're nao' (热闹) -- lebhaft und geschaeftig."
"Das heisst 'Verletzung'," sagte Hans.
"Nein," sagte ich. "In China heisst das 'alle leben das Leben zusammen.'"
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2. Ein Heiteres Missverstaendnis: Warum Beruehren Mich Fremde am Arm?
"Hans, hattest du jemals diese Erfahrung -- in China beruehrt ein vollkommener Fremder, der mit dir spricht, deinen Arm?"
Er dachte darueber nach. "Ja! Ich habe am Bund nach dem Weg gefragt. Eine Dame zeigte mir den Weg und klopfte mir dabei auf den Arm. Sie klopfte dreimal. Ich dachte, es waere irgendein Signal."
"Welches Signal?"
"Wie 'folge mir' oder 'sei vorsichtig.' Ich fragte mich sogar, ob es am Bund irgendeine Gefahr gab und sie mich warnte."
Ich lachte: "Sie hat dich nicht gewarnt. Sie war dir 'nah.'"
"Nah?" Hans' Augen weiteten sich. "Sie kannte mich nicht."
"Stimmt. Aber in China ist die Distanz zwischen Fremden voellig anders als das, was ihr Deutsche versteht."
"Viele Auslaender empfinden diese Verwirrung, wenn sie zum ersten Mal nach China kommen."
"Du gehst auf der Strasse, und die Person hinter dir folgt dir dicht auf den Fersen, fast auf sie tretend."
"Du stehst in einem Restaurant an, und die Person hinter dir ist weniger als dreißig Zentimeter entfernt -- du kannst ihren Atem hoeren."
"Du bist in einem Aufzug, sieben oder acht Menschen zusammengequetscht, und niemand fuehlt sich verpflichtet, sich zu entschuldigen."
"Hans, weisst du, was meine auslaendischen Freunde am meisten schockiert?"
"Was?"
"Die Massage in chinesischen Friseursalons."
Hans lachte: "Das habe ich erlebt. Der Friseur legte mir beim Haarewaschen die Haende auf den Kopf und drueckte so fest, dass ich dachte, er wuerde meinen Schaedel untersuchen."
"Genau. Und er wird dich nicht fragen 'ist das okay?' Er wird nicht sagen 'sag Bescheid, wenn es zu viel ist.' Er drueckt einfach."
"Warum?"
"Weil in seiner Logik Beruehrung Teil des Services ist. Beruehrung ist keine Verletzung -- sie ist Fuersorge."
"In China beruehrt dich ein Fremder nicht, weil er deine Grenzen verletzt -- er sagt dir: 'Ich bin hier, ich bemerke dich, wir sind Menschen im selben Raum.'"
"Das ist fuer Auslaender schwer zu verstehen, denn in euren Kulturen ist Beruehrung ein Privileg intimer Beziehungen."
"In China ist Beruehrung die Norm des oeffentlichen Lebens."
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3. Die Chinesische Erklaerung: Warum Haben Wir Kein Konzept von 'Persoenlichem Raum'?
"Hans," sagte ich, "hast du dich jemals gefragt, warum China kein Konzept von 'persoenlichem Raum' hat?"
"Weil es zu viele Menschen gibt?" sagte er.
"Das ist ein Grund, aber nicht der ganze Grund."
"Die Bevoelkerungsdichte Chinas ist in der Tat hoch. 1,4 Milliarden Menschen leben in einem Land ungefaehr der Groesse der USA. Man kann in der U-Bahn keinen halben Meter persoenlichen Raum haben."
"Aber das ist kein kultureller Grund. Das ist ein physischer."
"Der wahre Grund ist: Chinesen haben nie Raum verwendet, um Beziehungen zu definieren."
"In Europa verwendet ihr Distanz, um Beziehungen auszudruecken."
"Ihr haltet mehr als einen Meter Abstand von Fremden, einen halben bis einen Meter von Freunden, und nah genug, um Familie zu umarmen."
"Raum = Beziehung."
"In China machen wir das nicht."
"Chinesen verwenden 'Haltung', um Beziehungen auszudruecken, nicht 'Distanz.'"
"Ein Fremder kann zehn Zentimeter von dir entfernt sein, aber wenn er hoeflich zu dir spricht, das ist 'hoefliche Distanz.'"
"Ein Freund kann zwei Meter von dir entfernt sein, aber wenn er dich anschreit, das ist 'intime Haltung.'"
"Also in China definiert Raum keine Beziehungen. Haltung definiert Beziehungen."
Hans dachte darueber nach: "Bedeutet das nicht, dass Chinesen keine Privatsphaere brauchen?"
"Sie brauchen sie, aber auf eine andere Weise."
"Chinesische Privatsphaere ist kein 'physischer Raum' -- sie ist 'psychologischer Raum.'"
"Du kannst dich an mich druecken, aber du kannst mich nicht nach meinem Gehalt fragen."
"Du kannst dich in der U-Bahn an mich pressen, aber du kannst nicht auf mein Handy schauen."
"Chinesische Privatsphaere ist eine 'Informationsgrenze,' keine 'physische Grenze.'"
"Deshalb koennen Chinesen in der U-Bahn wie Sardinen gepresst sein, aber nicht mit Fremden im Aufzug plaudern."
"Weil Koerper nah sein koennen, aber Information nicht."
"Das ist ein sehr anderer Grenzsinn."
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4. Die Tiefere Kulturelle Logik: Gedraenge ist eine Lebensweise
"Hans, lass mich dir eine Geschichte aus meinem eigenen Leben erzaehlen."
"Im Jahr 2000 kam ich zum ersten Mal nach Deutschland. Ich nahm den Zug in Duesseldorf. Es waren etwa fuenfzehn Menschen im Waggon."
"Aus Gewohnheit ging ich zu einem Sitzplatz und wollte mich hinsetzen. Aber ich bemerkte, dass die drei bereits Sitzenden mich gleichzeitig ansahen, dann jeder seine Tasche etwas naeher zu sich zog."
"Ihre Bewegungen waren klein, aber ich spuerte es."
"Es war eine stille Abwehr: komm mir nicht nah."
"Ich war verwirrt. In China, wenn es einen Sitzplatz im Zug gibt, setzt man sich. Die Person neben dir rueckt vielleicht ein bisschen zur Seite, um dir Platz zu machen."
"Aber in Deutschland, als ich dort sass, fuehlte ich einen Druck des 'Erlaubt-Seins' -- als braeuchte ich eine Erlaubnis, diesen Raum zu besetzen."
"Das war das erste Mal, dass ich verstand: Europaeischer Raum ist 'Territorium,' das verteidigt werden muss."
"Chinesischer Raum ist ein 'Fluss,' in dem alle zusammen fliessen."
"Aber dieser Kontrast ist nicht absolut," sagte ich. "Weisst du, welches Land tatsaechlich in der Mitte sitzt?"
"Italien?" sagte Hans.
"Ja, Italien."
"Nachdem ich fuenfundzwanzig Jahre in Italien gelebt habe, habe ich herausgefunden, dass Italiener tatsaechlich ein faszinierender Mittelweg sind."
"Italiener schaetzen auch persoenlichen Raum -- sie werden sich nicht wie Chinesen zusammenquetschen, aber sie werden auch keine klare 'Grenze' wie Deutsche ziehen."
"In italienischen Bussen versuchen die Menschen, sich so weit wie moeglich zu verteilen. Aber wenn der Bus voll wird, werden Italiener mit den Schultern zucken und das Gedraenge akzeptieren."
"Und Italiener haben eine Eigenschaft -- sie beruehren gerne."
"Deine italienischen Freunde, wenn sie mit dir sprechen, klopfen sie dir nicht auch auf die Schulter, beruehren deinen Arm?"
"Ja," sagte Hans. "Als ich geschaeftlich in Mailand war, hatte mein italienischer Kollege die ganze Zeit, während er mit mir sprach, die Hand auf meiner Schulter."
"Siehst du, Italien ist tatsaechlich eine grosse Brueckenkultur."
"Italiener haben sowohl das europaeische Raumgefuehl als auch die mediterrane physische Waerme."
"Deshalb kann ich ein Restaurant in Florenz fuehren und gleichzeitig sowohl europaeische als auch chinesische Gaeste verstehen."
"Europaeische Gaeste kommen in Giào Giào und fuehlen sich 'dieses Restaurant ist sehr chinesisch' -- weil es lebhaft, laut ist, alle reden."
"Chinesische Gaeste kommen in Giào Giào und fuehlen sich 'dieses Restaurant ist sehr europaeisch' -- weil es noch Abstand zwischen den Tischen gibt, und der Kellner nicht neben dir steht und dein Gespraech mitverfolgt."
"Ich bin in der Mitte."
"Es hat mich fuenfundzwanzig Jahre gekostet, den Unterschied zwischen diesen beiden Raumgefuehlen zu verstehen."
"Das europaeische Raumgefuehl kommt vom 'Individualismus' -- jeder Mensch ist eine unabhaengige Insel, die einen Ozean braucht, um sie getrennt zu halten."
"Das chinesische Raumgefuehl kommt vom 'Kollektivismus' -- jeder Mensch ist ein Wassertropfen in einem Fluss. Nah sein ist normal; Trennung ist das Seltsame."
"Gedraengt ist keine Art von Schmerz."
"Gedraengt ist eine Art Bestaetigung: Ich existiere unter Menschen. Ich bin mit anderen."
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5. Lernen Wir Ein Chinesisches Wort: Warum Heisst Es 亲 (Qīn)?
"Wenn wir von der chinesischen Haltung gegenueber 'Naehe' sprechen," sagte ich, "lernen wir heute ein chinesisches Wort."
Ich schrieb ein Zeichen auf Papier: 亲.
"Der obere Teil dieses Zeichens ist '立' (stehen), und der untere Teil ist '木' (Baum)."
"Warte," sagte Hans, "das sieht aus wie 'ein stehender Baum.'"
"Deine Intuition ist gut. Die urspruengliche Bedeutung von 亲 hat tatsaechlich etwas mit Baeumen zu tun."
"Im alten China bezog sich 亲 urspruenglich auf die Eltern -- die Menschen, die mich gezeugt und aufgezogen haben, stehend wie ein Baum, mir Schatten spendend."
"Spaeter erweiterte sich die Bedeutung von 亲."
"亲 = die Menschen, die mir am naechsten verwandt sind."
"Dann erweiterte es sich weiter."
"亲 = jeder, der mich sich 'nah' fuehlen laesst."
"Hans, weisst du? Im chinesischen Internet nennen sich Fremde gegenseitig 亲."
"Zum Beispiel, wenn du auf Taobao einkaufst, wird der Kundendienst sagen: '亲, wobei kann ich dir helfen?'"
"Ihr Deutschen wuerdet das seltsam finden -- warum wuerde mich ein Verkaeufer '亲' nennen?"
"Aber in chinesischer Logik sagt 亲 nicht, dass wir verwandt sind."
"亲 sagt: Obwohl wir uns nicht kennen, sind wir in dieser Transaktion 'nah' -- nicht in der Distanz, sondern in der Beziehung."
"Lass mich dir eine noch tiefere Bedeutung erzaehlen."
"Im Chinesischen gibt es das Wort '亲近' (qīnjìn) -- was nah, intim bedeutet."
"Aber weisst du? Im alten China hatte 亲 noch eine weitere Bedeutungsebene: persoenlich, persoenlich."
"Zum Beispiel, '亲历' (qīnlì) -- persoenlich erlebt. '亲为' (qīnwéi) -- persoenlich getan."
"Also geht es bei dem Zeichen 亲 im Kern um 'Distanz entfernen.'"
"Die Distanz des Blutes, die Distanz des Status, die Distanz des Raums -- 亲 entfernt all diese Distanzen."
"Deshalb koennen Chinesen zu Fremden 亲 sagen."
"Weil in der chinesischen Kultur 'Naehe' kein Privileg ist, sondern eine Einladung."
"Wir laden dich in unseren Raum ein, nicht weil wir verwandt sind, sondern weil wir in derselben Welt sind."
"Dieses Zeichen 亲 ist die beste Widerlegung der chinesischen Kultur gegen das Konzept des 'persoenlichen Raums.'"
"Wir verteidigen keinen Raum. Wir laden zur Naehe ein."
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6. Zusammenfassung in Einem Satz: Was Mich 25 Jahre Kostete zu Verstehen
Hans ging aus der U-Bahn-Station und atmete tief durch.
"Liu," sagte er, "ich verstehe jetzt, warum Chinesen keinen persoenlichen Raum haben."
"Warum?"
"Weil ihr ihn nicht braucht."
"Eure 'Naehe' ist keine Verletzung. Sie ist eine Einladung."
"Die Person, die sich in der U-Bahn an mich drueckte, hat mir nicht meinen Raum genommen -- sie sagte mir: 'Wir machen diese Reise zusammen.'"
"Die Dame, die mir auf den Arm klopfte, hat mich nicht beleidigt -- sie sagte mir: 'Ich helfe dir, weil wir Menschen desselben Landes sind.'"
Ich laechelte.
"Du verstehst."
"In China ist Gedraenge kein Mangel an Zivilisation."
"Gedraenge ist eine Form der Zivilisation -- eine Zivilisation, die glaubt: 'Wir sind zusammen.'"
"Natuerlich hat das seine Kosten."
"Chinesen haben weniger Privatsphaere als Europaeer. Chinesische Grenzen sind unschaerfer als europaeische."
"Aber was man dafuer bekommt: Das Gefuehl von 'wir' bei den Chinesen ist staerker als bei jedem anderen Volk."
"Wenn du das verstehst, wirst du erkennen:"
"In der chinesischen U-Bahn verletzt dich die Person, die sich an dich drueckt, nicht."
"Sie sagt dir auf ihre Weise: Du bist nicht allein."
"In diesem Land von 1,4 Milliarden Menschen ist niemand allein."
> Chinesen haben keinen Mangel an persoenlichem Raum, weil sie Respekt nicht verstehen. Es ist, weil Chinesen "Naehe" verwenden, um Respekt auszudruecken -- Naehe im Raum ist Naehe im Herzen.
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> Es hat mich 25 Jahre gekostet zu verstehen: Als ich in der Shanghaier U-Bahn gequetscht, beruehrt und umgeben wurde, wurde ich nicht verletzt -- ich wurde akzeptiert. Akzeptiert in eine Welt, die glaubt: "Wir sind zusammen."
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Hast du jemals einen Moment von "keinem persoenlichen Raum" in China erlebt? Wie hast du dich gefuehlt? Erzaehl mir deine Geschichte, und xiaokz' naechster Artikel koennte genau fuer dich geschrieben sein.