1. Eine Szene: Der Frühlingsmarkt
April 2024. Auf dem Mercato Centrale in Florenz lag der Atem des Frühlings wie ein dünner Schleier über jedem Stand.
Ich ging mit einer alten Freundin durch den Markt — Elena, 47 Jahre alt, Toskanerin, Ernährungsanthropologin an der Universität Florenz. Sie trug eine leinenfarbene Jacke und eine Leinentasche, gefüllt mit frisch eingetroffenem Spargel und Morcheln.
„Elena“, sagte ich, „weißt du, warum Chinesen im Frühling Sprossen essen?“
Sie blieb vor einem Korb mit zarten grünen Toon-Sprossen stehen und wandte sich mir zu.
„Weil Sprossen im Frühling Saison haben?“
„Nicht ganz. Weil der Frühling die Jahreszeit der ‚Geburt und des Wachstums‘ ist.“
„Geburt und Wachstum?“
„Ja. Chinesen glauben, dass der Frühling die Zeit ist, in der alle Dinge ‚geboren‘ werden und ‚wachsen‘. Samen keimen, Zweige treiben aus, Tiere erwachen.“
„Der menschliche Körper ist derselbe. Im Frühling beginnt das Qi in deinem Körper, sich von den inneren Organen zur Oberfläche zu bewegen. Genau wie ein Baum, der Saft von seinen Wurzeln zu seinen Ästen sendet.“
„Was sollen wir also im Frühling essen?“
„‚Sprossen‘ essen — denn Sprossen selbst sind das Symbol für ‚Geburt und Wachstum‘. Wenn du Sprossen isst, hilfst du deinem Körper zu ‚wachsen‘.“
Elena sah den Korb mit Toon-Sprossen nachdenklich an.
„Aber ist das nicht Aberglaube? Was hat das Essen von Sprossen mit Wachstum zu tun?“
„Es ist kein Aberglaube. Es ist Analogie.“
„Analogie?“
„Ja. Chinesen beobachten die Natur: Im Frühling wachsen alle Dinge nach oben. Also schließen sie daraus, dass auch der menschliche Körper im Frühling ‚nach oben wachsen‘ sollte — mehr Sport treiben, leichtere Speisen essen, die eine aufwärts gerichtete, wachsende Energie haben.“
„Das ist kein wissenschaftliches Experiment. Das ist beobachtende Weisheit.“
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2. Ein lustiges Missverständnis: Ist saisonales Essen Aberglaube?
Elena steckte die Toon-Sprossen in ihre Leinentasche, und wir gingen weiter. Der Frühlingsduft auf dem Markt wurde stärker: die Süße von Erdbeeren, die Frische von frischer Minze, die Wärme von frisch gebackenem Brot.
„Liu“, sagte sie, „ich unterrichte Ernährungsanthropologie. Meine Studenten fragen oft: Ist traditionelles chinesisches saisonales Essen eine Form von ‚vorscientifischem Aberglaube‘?“
„Ich frage sie zurück: Ihr Italiener esst im Winter Polenta und im Sommer Panzanella — ist das Aberglaube?“
„Natürlich nicht.“
„Warum essen Chinesen dann im Frühling Sprossen, im Sommer Melonen, im Herbst Früchte und im Winter Wurzeln — und das ist Aberglaube?“
Elena lachte.
„Du hast recht. Jede Kultur isst saisonal. Aber das chinesische saisonale Essen hat ein besonderes Merkmal: Es geht nicht nur darum, ‚was gut schmeckt‘, sondern darum, ‚was gut für den Körper ist‘.“
„Ja“, sagte ich. „Italienisches saisonales Essen heißt: Im Frühling Spargel essen, weil Spargel Saison hat.“
„Chinesisches saisonales Essen heißt: Im Frühling Sprossen essen, weil Sprossen dem Körper helfen zu ‚wachsen‘ — und dein Qi gemeinsam mit dem Qi der Natur aufsteigen lassen.“
„Im Sommer Melonen essen, weil Melonen ‚Hitze klären und Sommerhitze lindern‘ — und deinem Körper helfen, in der heißen Jahreszeit kühl zu bleiben.“
„Im Herbst Früchte essen, weil Früchte ‚sammeln und speichern‘ — und deinem Körper helfen, wie der Herbst selbst, die Energie nach innen zu ziehen.“
„Im Winter Wurzeln essen, weil Wurzeln ‚speichern‘ — und deinem Körper helfen, wie Wurzeln unter der Erde, Energie zu speichern und auf den Frühling zu warten.“
„Im Frühling gebären, im Sommer wachsen, im Herbst ernten, im Winter speichern.“
„Das ist kein Aberglaube“, sagte ich. „Das ist der Lebensrhythmus, den Chinesen nach 2.000 Jahren der Beobachtung der Beziehung zwischen Natur und menschlichem Körper zusammengefasst haben.“
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3. Die chinesische Erklärung: Die 24 Sonnenperioden sind kein Kalender, sondern ein Körperleitfaden
„Weißt du, dass Chinesen die 24 Sonnenperioden haben?“ fragte ich Elena.
„Ja. Frühlingsanfang, Regenwasser, Erwachen der Insekten...“
„Richtig. Aber die 24 Sonnenperioden dienen nicht nur der Landwirtschaft. Sie dienen auch der ‚Körperpflege‘.“
„Zum Beispiel: Am Frühlingsanfang isst man Frühlingspfannkuchen — dünne Pfannkuchen, gerollt mit Bohnensprossen, Schnittlauch und Eiern. Warum? Weil der Frühling um ‚Wachstum‘ geht, und diese Lebensmittel alle die Natur des ‚Wachstums‘ haben.“
„Zum Beispiel: An der Sommersonnenwende isst man Nudeln — die Sommersonnenwende ist der Tag mit dem längsten Tageslicht im Jahr, wenn die Yang-Energie ihren Höhepunkt erreicht. Nudeln werden aus Weizen gemacht, und Weizen ‚nährt das Herz‘.“
„Zum Beispiel: An der Herbstdämmerung isst man Krabben — nach der Herbstdämmerung sind Krabben am fettesten, aber Krabben sind von Natur aus kalt, also müssen sie mit Ingwer und Essig kombiniert werden. Ingwer neutralisiert die Kälte der Krabbe, Essig stimuliert den Appetit.“
„Zum Beispiel: An der Wintersonnenwende isst man Jiaozi — die Wintersonnenwende ist die Nacht mit den längsten Dunkelheit im Jahr, wenn die Yin-Energie ihren Höhepunkt erreicht. Jiaozi sehen aus wie Ohren. Chinesen sagen: ‚Iss Jiaozi an der Wintersonnenwende, sonst frieren dir die Ohren ein‘ — eigentlich bedeutet es: An der Wintersonnenwende musst du die Yang-Energie des Körpers schützen und nicht zulassen, dass Kälte einbricht.“
Elenas Augen leuchteten auf.
„Also sind die 24 Sonnenperioden kein landwirtschaftlicher Kalender, sondern ein ‚Körperkalender‘?“
„Ja!“ sagte ich. „Bei jeder Sonnenperiode steht geschrieben, was der chinesische Körper tun sollte, was er essen soll, wie er sich kleiden soll — alles steht in der Sonnenperiode.“
„Westerner schauen auf den Kalender: Oh, heute ist der 15. April, Zeit die Steuern zu machen.“
„Chinesen schauen auf die Sonnenperiode: Oh, heute ist Körnerregen, Zeit neuen Tee zu trinken — weil der Tee um Körnerregen herum am zartesten ist, und sein Trinken das Leberfeuer klärt.“
„Das ist kein Aberglaube. Das ist eine Lebensweise.“
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4. Die tiefere Logik: Warum schätzen Chinesen ‚der Zeit folgen‘?
„Elena“, sagte ich, „lass mich dir eine Frage stellen: Warum denken Westler, dass ‚saisonales Essen‘ optional ist?“
„Weil die moderne Lebensmittelindustrie alles das ganze Jahr über verfügbar macht. Du kannst im Winter Wassermelone essen und im Sommer Lamm.“
„Ja. Aber Chinesen haben einen tief verwurzelten Glauben: ‚Wer der Zeit folgt, gedeiht; wer gegen die Zeit geht, geht zugrunde.‘“
„Was bedeutet das?“
„Es bedeutet: Wer den Gesetzen der Natur folgt, wird gesund bleiben; wer die Gesetze der Natur verletzt, wird krank.“
„Das ist keine Drohung. Das ist Beobachtung.“
„1998 habe ich im Winter in Deutschland Wassermelone gegessen. Mein deutscher Freund sah mich an, als wäre ich verrückt. Er sagte: ‚Wie kannst du im Winter Wassermelone essen? Wassermelone ist ein Sommerobst!‘“
„Ich verstand das damals nicht. Ich sagte: ‚Sie verkaufen sie im Supermarkt.‘“
„Er sagte: ‚Sie können sie im Supermarkt verkaufen, aber dein Körper akzeptiert sie vielleicht nicht. Wassermelone ist kalt. Im Winter braucht dein Körper Wärme. Wassermelone zu essen ist wie ein Kurzarmhemd im Winter zu tragen — du kannst es aushalten, aber dein Körper vielleicht nicht.‘“
„Ich habe diesen Satz 20 Jahre lang behalten.“
„Später verstand ich: Chinesen sind nicht gegen ‚Außer-Saison-Essen‘. Sie erinnern dich daran: Wenn du Außer-Saison-Essen isst, zahlt dein Körper einen extra Preis.“
„Im Frühling Sprossen essen, weil Sprossen dem Körper helfen zu ‚wachsen‘.“
„Im Sommer Melonen essen, weil Melonen dem Körper helfen, sich ‚abzukühlen‘.“
„Im Herbst Früchte essen, weil Früchte dem Körper helfen zu ‚sammeln und zu speichern‘.“
„Im Winter Wurzeln essen, weil Wurzeln dem Körper helfen zu ‚speichern‘.“
„Jede Jahreszeit hat der Körper eine andere Aufgabe. Essen ist der Assistent, der dem Körper hilft, seine Aufgabe zu erfüllen.“
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5. Lernen wir ein chinesisches Wort: Warum heißt es „节气“ (Jié Qì)?
„Sprich von Sonnenperioden“, sagte ich, „heute lernen wir ein chinesisches Wort.“
Ich schrieb zwei Zeichen auf das Papier: 节气.
„节 (jié), bedeutet ursprünglich ‚Bambusgelenk‘ — die Knoten auf einem Bambusstängel.“
„气 (qì), darüber haben wir schon gesprochen — der Atem des Lebens.“
„Also sind Sonnenperioden ‚die Gelenke des Qi‘.“
„Qi fließt in der Natur nicht mit konstanter Geschwindigkeit. Es hat Höhen und Tiefen. Sonnenperioden sind die Schlüsselknoten im Fluss des Qi.“
„Frühlingsanfang — Qi beginnt zu steigen.“
„Sommersonnenwende — Qi erreicht seinen höchsten Punkt.“
„Herbstdämmerung — Qi beginnt zu fallen.“
„Wintersonnenwende — Qi erreicht seinen tiefsten Punkt.“
„Das Qi des menschlichen Körpers fließt auch zusammen mit dem Qi der Natur.“
„Also geht es beim chinesischen saisonalen Essen nicht darum, ‚was gut schmeckt‘, sondern darum, ‚was meinem Qi helfen kann, sich mit dem Qi der Natur zu synchronisieren‘.“
„Wenn dein Qi mit dem Qi der Natur synchronisiert ist, bist du gesund.“
„Wenn dein Qi gegen das Qi der Natur geht, wirst du krank.“
„Das ist es, was Chinesen ‚天人合一‘ nennen — Himmel und Mensch sind eins.“
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6. Zusammenfassung in einem Satz: Was ich 25 Jahre brauchte, um zu verstehen
Elenas Leinentasche war bereits voller Frühlingsernte: Toon-Sprossen, zarter Spargel, frische Minze, Erdbeeren.
„Liu“, sagte sie, „ich werde das morgen in meinem Unterricht lehren.“
„Was lehren?“
„Chinesisches saisonales Essen lehren. Nicht was sie essen, sondern warum sie essen.“
„Weil sobald ich ‚im Frühling gebären, im Sommer wachsen, im Herbst ernten, im Winter speichern‘ verstanden habe, war ich nicht mehr nur ‚Spargel essen‘.“
„Wenn ich ihn esse, erkenne ich: Es ist Frühling, und mein Körper ‚wächst‘ zusammen mit der Natur.“
„Dieses Bewusstsein verwandelt Essen in ein Gespräch mit der Natur.“
Ich lächelte.
„Du verstehst. Chinesisches saisonales Essen ist keine Regel, sondern eine Einladung.“
„Es lädt dich ein: Im Frühling die Kraft des Wachstums zu spüren; im Sommer die Vitalität der Blüte zu spüren; im Herbst die Befriedigung der Ernte zu spüren; im Winter den Frieden des Speicherns zu spüren.“
„Wenn du mit den Jahreszeiten isst, ‚folgst du nicht Regeln‘.“
„Du tanzt mit der Natur.“
> Sonnenperioden sind kein Kalender. Sie sind ein Leitfaden, den Chinesen für den Körper geschrieben haben.
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> Es hat mich 25 Jahre gekostet zu verstehen: Wenn ich im Frühling Sprossen, im Sommer Melonen, im Herbst Früchte und im Winter Wurzeln esse, esse ich nicht nur Essen. Ich sage der Natur: „Ich höre dich. Ich folge dir.“
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Hast du bemerkt, wie sich dein Körper mit den Jahreszeiten verändert? Hast du mehr Lust dich im Frühling zu bewegen und im Winter mehr zu schlafen? Erzähle mir deine Gefühle — der nächste xiaokz-Artikel könnte genau für dich geschrieben sein.